Multi-Material wird massentauglich

Wie Hersteller endlich das größte Problem mehrfarbigen Drucks lösen – und warum das für alle Maker wichtig ist.

Multi-Material wird massentauglich – und endlich sparsamer

Mehrfarbiger 3D-Druck ist seit Jahren eine der beliebtesten Anfragen in Maker-Foren. Logos mit sauberen Farbwechseln, Cosplay-Helme mit perfekt abgesetzten Details, personalisierte Geschenke – alles Dinge, die mit einem einzigen Filament nicht machbar sind. Doch wer schon einmal versucht hat, einen mehrfarbigen Druck zu starten, kennt das nervige Ritual: Purge-Türme, die wie Plastikgräber neben dem eigentlichen Objekt wachsen, und Filament, das kiloweise in den Müll wandert, nur damit die nächste Farbe sauber aus der Düse kommt.

Das ändert sich gerade fundamental. Zwischen Anfang 2025 und den ersten Wochen 2026 haben mehrere Hersteller Systeme vorgestellt, die das Abfallproblem nicht nur lindern, sondern in vielen Fällen nahezu eliminieren. Gleichzeitig wird Multi-Material-Druck endlich in Preisbereichen verfügbar, die nicht mehr nur Enthusiasten ansprechen. Was bisher eine Nische war, wird Mainstream – und das hat Auswirkungen weit über bunte Figuren hinaus.

Warum Multi-Material bisher ein zweischneidiges Schwert war

Bei klassischen Single-Nozzle-Systemen – also Druckern mit nur einer Düse – müssen bei jedem Farbwechsel die Filamentreste aus dem Hotend gespült werden. Das geschieht durch sogenanntes Purging: Der Drucker extrudiert eine große Menge Material in einen separaten Turm oder direkt ins Leere, bis die alte Farbe vollständig durch die neue ersetzt ist. Das Ergebnis nennt die Community liebevoll „Poop" – und der Begriff ist Programm.

Bei einem typischen vierfarbigen Druck kann der Purge-Tower schnell das Volumen des eigentlichen Objekts erreichen oder übertreffen. Nicht nur verschwendet das Material, es verlängert auch massiv die Druckzeit: Jeder Wechsel kostet Minuten, jeder Wechsel birgt das Risiko für Stringing, verklebte Düsen oder Layer-Shifts. Für große Projekte mit vielen Farbwechseln wurde Multi-Material dadurch wirtschaftlich und ökologisch fragwürdig.

Toolchanger-Ansätze – bei denen mehrere komplette Druckköpfe verbaut sind – reduzierten das Problem teilweise, brachten aber ihre eigenen Nachteile mit: höheres Gewicht, komplexere Mechanik, noch höhere Preise und oft reduzierter Bauraum. Die meisten Hobby-Maker blieben deshalb bei manuellen Filamentwechseln oder verzichteten ganz auf Farbe.

Anycubic Kobra X: Purge-Reduktion durch cleveres Design

Anycubic hat mit der Kobra X einen interessanten Mittelweg präsentiert. Statt auf mehrere Düsen zu setzen, optimiert das System die Single-Nozzle-Architektur radikal. Der Cutter – das kleine Messer, das das Filament beim Wechsel abschneidet – sitzt nun direkt neben der Düse, statt wie bisher weit oben im Extruder. Dadurch verkürzt sich der Retract-Weg von rund 160 mm auf nur noch 30 mm.

Das klingt nach einem Detail, hat aber dramatische Folgen: Weniger Weg bedeutet weniger Material, das beim Wechsel durch die Düse muss. Anycubic behauptet, dass die Kobra X mit der Hälfte des Purge-Materials auskommt – und doppelt so schnell druckt wie vergleichbare Systeme. Ob diese Zahlen in der Praxis halten, wird sich zeigen, aber die Mechanik ist schlüssig. Hinzu kommt ein automatisches Feeder-System für bis zu vier Filamente, das sich modular erweitern lässt.

Best for: Maker, die viel mit Farbe arbeiten wollen, ohne gleich in Premium-Systeme zu investieren – die Kobra X spielt im Budget-Segment, versucht aber, echte Profi-Features mitzubringen. Trade-off: Die Software war bei Launch noch nicht ausgereift, und der Drucker bleibt trotz aller Optimierung ein Single-Nozzle-System mit den üblichen Retract-Herausforderungen.

Bambu Lab H2D: Dual-Nozzle mit aktiver Kammer

Bambu Lab ging einen anderen Weg. Die H2D, die im März 2025 angekündigt wurde, nutzt ein echtes Dual-Nozzle-System: Zwei unabhängige Düsen arbeiten parallel oder wechseln sich ab. Das reduziert Purge-Bedarf massiv, weil nicht ständig Material durch dieselbe Düse gepresst werden muss. Stattdessen bleibt jede Farbe in ihrer eigenen Düse – Wechsel geschehen durch Positionierung, nicht durch Spülen.

Technisch ist die H2D beeindruckend: Bauvolumen bis 350 × 320 × 325 mm, Hotends bis 350 °C und eine aktiv beheizte Kammer mit 65 °C. Damit lassen sich nicht nur Farben, sondern auch völlig unterschiedliche Materialien kombinieren – etwa steife Carbon-Filamente für tragende Strukturen und flexibles TPU für Dämpfung in einem einzigen Druck. Das AMS 2 Pro, Bambus neues Filament-Management-System, trocknet Materialien bei 65 °C während der Lagerung und beschleunigt Filamentwechsel um 60 Prozent.

TIME listete die H2D in den „Best Inventions of 2025" – nicht nur wegen der Dual-Nozzle-Technik, sondern weil Bambu sie als „Personal Manufacturing"-Plattform positioniert. Optional lässt sich ein Laser-Modul integrieren, das Schneiden, Gravieren und Drucken in einem Gerät vereint. Damit wird aus einem 3D-Drucker ein kleines Fertigungszentrum.

Best for: Studios, Werkstätten und ambitionierte Maker, die wirklich komplexe Multi-Material-Projekte realisieren wollen – und bereit sind, dafür entsprechend zu investieren. Trade-off: Die H2D ist kein Einsteiger-Gerät mehr, weder preislich noch in der Bedienung, und bei Dual-Nozzle-Drucken schrumpft der nutzbare Bauraum etwas.

Bambu H2C und Prusa INDX: Nozzle-Changer gegen Verschwendung

Auf der Formnext 2025 präsentierten Bambu Lab und Prusa unabhängig voneinander Konzepte, die noch weiter gehen. Bambus H2C nutzt den sogenannten Vortek Nozzle Changer – ein automatisches Wechselsystem, das zwischen bis zu sechs induktiv beheizten Düsen umschalten kann. Statt Material zu purgen, wird einfach die komplette Nozzle getauscht. Die inaktiven Düsen bleiben heiß und einsatzbereit, der Wechsel dauert Sekunden.

Prusa zeigte mit dem INDX Tool Changer für die CORE One einen ähnlichen Ansatz, allerdings mit kompletten Toolheads statt nur Düsen. Bis zu acht verschiedene Köpfe können verbaut werden – für unterschiedliche Materialien, Düsengrößen oder sogar andere Fertigungstechniken. Der Preisrahmen für die Basis-Version liegt zwischen 499 und 699 Euro, womit Prusa Tool-Changing erstmals aus dem Multi-Tausend-Euro-Segment herausholt.

Beide Systeme eliminieren Purge-Türme nahezu komplett. Der Nachteil: Mechanische Komplexität steigt, und bei jedem Wechsel entstehen kurze Wartezeiten für Positioning und Temperatur-Stabilisierung. Für Drucke mit sehr vielen Wechseln kann das die Geschwindigkeitsvorteile wieder auffressen.

Technischer Einblick: Warum Purge so viel Material kostet

Bei Single-Nozzle-Systemen muss das alte Filament vollständig aus dem Schmelzkanal verdrängt werden – typischerweise 5–15 mm³ pro Wechsel, je nach Düsengröße und Hotend-Design. Bei einem Druck mit 50 Farbwechseln summiert sich das schnell auf 250–750 mm³ reinen Abfall, ohne dass ein einziger Millimeter davon im fertigen Teil landet. Toolchanger und Nozzle-Changer umgehen das, indem sie das Material nie vermischen – jede Farbe bleibt in ihrem eigenen Kanal.

AMS 2 Pro: Schnellere Wechsel, integrierte Trocknung

Parallel zu neuen Düsen-Technologien verbessert Bambu auch das Filament-Management selbst. Das AMS 2 Pro – kompatibel mit der gesamten aktuellen Bambu-Produktpalette – adressiert zwei der größten Nervpunkte beim Multi-Material-Druck: langsame Filamentwechsel und Feuchtigkeitsprobleme.

Der neue Brushless-Servo-Feeder beschleunigt das Laden um 60 Prozent. Das klingt marginal, summiert sich aber über hunderte Wechsel zu zehn oder mehr gesparten Minuten pro Druck. Wichtiger noch: Das System trocknet Filament aktiv bei 65 °C in luftdichten Kammern. Für Materialien wie Nylon, PETG oder ASA, die Feuchtigkeit aus der Luft ziehen und dann zu Blasen, Stringing und brüchigen Layers führen, ist das ein echter Gamechanger.

Durch serielle Verbindung lassen sich bis zu 24 Filamente gleichzeitig verwalten – eine absurde Zahl für Desktop-Drucker, die aber zeigt, wohin die Reise geht: Weg vom „ich habe vier Farben und muss ständig umspulen" hin zu „ich habe ein Farb- und Material-Archiv, aus dem ich frei wähle".

Einschränkung: Trocknen und Drucken gleichzeitig aus derselben AMS-Einheit ist nicht möglich – wer Material während des Drucks nachtrocknen will, braucht zwei Einheiten oder eine externe Drybox.

Creality SPARKX i7 und AtomForm Palette 300: AI trifft Multicolor

Auf der CES 2026 zeigte sich, dass Multi-Material längst nicht mehr nur eine Frage der Hardware ist. Creality stellte die SPARKX i7 vor, die Tom's Hardware als „Best 3D Printer of CES 2026" auszeichnete – nicht wegen roher Specs, sondern wegen der intelligenten Automatisierung. AI-gestützte Kameras erkennen nicht nur klassische Fehldrucke wie Spaghetti, sondern optimieren auch Purge-Parameter in Echtzeit basierend auf Filamentfarbe, Viskosität und Düsentemperatur.

Noch ambitionierter: Die AtomForm Palette 300, ein CoreXY-Drucker mit 36-Farben-Unterstützung durch ein 12-Nozzle-Auto-Swapping-System. Der Kickstarter-Preis liegt bei 999 Dollar – also fast in Reichweite gut ausgestatteter Single-Material-Geräte. Das System wechselt Düsen automatisch, hält sie induktiv beheizt und verspricht Drucke in Dutzenden Farben ohne nennenswerten Materialverlust.

Ob diese Kickstarter-Versprechen halten, ist offen – die Plattform ist bekannt für optimistische Projektionen. Aber allein die Tatsache, dass solche Systeme überhaupt in diesem Preisbereich angeboten werden, zeigt den Paradigmenwechsel.

Was das für dich bedeutet

Die technischen Fortschritte mögen beeindruckend klingen, aber was ändert sich konkret für normale Nutzer? Zunächst einmal wird mehrfarbiger Druck erschwinglicher. Systeme wie die Kobra X oder Crealitys Hi mit CFS-Modul bringen Multi-Color in Bereiche unter 500 Euro – vor zwei Jahren war das undenkbar. Gleichzeitig sinken die laufenden Kosten: Wer nur noch halb so viel Purge-Material braucht, druckt nicht nur schneller, sondern spart bei jedem Projekt bares Geld.

Zweitens öffnet sich dadurch ein völlig neues Anwendungsfeld: Multi-Material für funktionale Teile. Statt nur dekorative Farbwechsel kannst du etwa ein Gehäuse aus steifem PETG-CF mit TPU-Dämpfern an den Ecken drucken – alles in einem Durchgang, ohne manuelle Montage. Oder Prototypen, bei denen bewegliche Teile aus flexiblem und statische Strukturen aus hartem Material bestehen. Das war technisch immer möglich, aber praktisch zu teuer und zu umständlich. Mit reduzierten Purge-Zeiten und smarter Automatisierung wird es alltagstauglich.

Drittens: Die Filament-Management-Systeme wie AMS 2 Pro machen anspruchsvolle Materialien deutlich zugänglicher. Wer bisher Nylon oder PA gemieden hat, weil es nach zwei Tagen an der Luft undruckbar wird, bekommt jetzt Trocknungs- und Lagerlösungen, die das Problem von vornherein verhindern. Das erweitert die Material-Palette für viele Maker erheblich.

Die Kehrseite: Komplexität und Ökosystem-Lock-in

Natürlich gibt es Schattenseiten. Multi-Material-Drucker sind per Definition komplexer – mehr bewegliche Teile, mehr Sensoren, mehr potenzielle Fehlerquellen. Wer bisher einen simplen Ender 3 mit einer SD-Karte gefüttert hat, wird von Filament-Hubs, App-Steuerung und automatischen Kalibrierungsroutinen möglicherweise überfordert sein.

Zudem binden viele Hersteller ihre Systeme zunehmend an eigene Software-Ökosysteme. Bambu Studio, Anycubic Slicer Next, Creality Cloud – sie alle funktionieren hervorragend, solange man im jeweiligen Universum bleibt. Wer jedoch Profile zwischen Herstellern teilen, experimentelle Slicer nutzen oder eigene Firmware flashen möchte, stößt auf Hürden. Das ist kein Dealbreaker, aber ein Punkt, den DIY-orientierte Nutzer im Hinterkopf behalten sollten.

Auch die Umweltbilanz bleibt ambivalent. Ja, Purge-Reduktion spart Plastik. Aber diese Systeme verbrauchen mehr Strom durch beheizte Kammern, Filament-Trockner und mehrere Hotends. Und elektronische Komplexität bedeutet kürzere Lebenszyklen – ein moderner Multi-Material-Drucker wird vermutlich nicht zehn Jahre im Einsatz sein wie ein alter, simpler FDM-Klassiker.

Für wen lohnt sich der Umstieg jetzt?

Für die meisten Hobby-Maker, die gelegentlich Deko oder einfache Prototypen drucken, bleibt ein guter Single-Material-Drucker die sinnvollste Wahl. Farbwechsel per Pause und manuellem Tausch sind für zwei, drei Farben völlig praktikabel – und kosten fast nichts.

Anders sieht es aus, wenn du regelmäßig komplexe, farbige Objekte druckst: Cosplay-Projekte mit Dutzenden Teilen, personalisierte Produkte für einen kleinen Etsy-Shop oder technische Prototypen mit Material-Mixen. Hier zahlt sich ein System wie die Bambu P2S Combo oder Anycubic Kobra S1 Combo binnen weniger Monate aus – allein durch gesparte Zeit und Material.

Auch für Bildungseinrichtungen, Makerspaces oder kleine Studios wird Multi-Material jetzt interessant. Die Kombination aus sinkenden Anschaffungskosten, besserer Zuverlässigkeit und reduzierten Betriebskosten verschiebt die Rechnung deutlich. Ein Drucker, der früher 5.000 Euro kostete und nur für Spezialanwendungen Sinn machte, wird durch Geräte ersetzt, die ein Viertel kosten und dabei 80 Prozent der Funktionalität bieten.

Ausblick: Was 2026 noch kommt

Die vorgestellten Systeme sind erst der Anfang. Toolchanger-Architekturen werden weiter reifen – Prusa hat bereits größere Varianten der CORE One mit mehr Köpfen angekündigt, und Bambu arbeitet laut Gerüchten an einer H2C Pro mit noch mehr Nozzle-Slots. Gleichzeitig wird Software schlauer: AI-gestützte Purge-Optimierung, die Farbübergänge analysiert und nur dort Material verwendet, wo es wirklich nötig ist, steht bei mehreren Herstellern auf der Roadmap.

Langfristig könnte Multi-Material sogar Standard werden. Wenn die Preisdifferenz zwischen Single- und Multi-Material-Druckern unter 100 Euro fällt – und technisch ist das machbar – gibt es kaum noch Gründe, darauf zu verzichten. Selbst wer heute nur einfarbig druckt, profitiert von besseren Filament-Management-Systemen, Trocknungsfunktionen und flexibleren Workflows.

Für Käufer bedeutet das: Wer jetzt einen neuen Drucker sucht und auch nur ansatzweise plant, in Zukunft mit Farbe oder verschiedenen Materialien zu arbeiten, sollte Multi-Material-Fähigkeit als Entscheidungskriterium ernst nehmen. Die Systeme sind endlich ausgereift genug, dass sie nicht mehr nur Experimente sind – sie sind Werkzeuge.